Wer Mut zeigt, macht Mut – aufgebrochen für das Leben

Generaloberin der Franziskanerinnen von Waldbreitbach Sr. Edith-Maria Magar hielt anlässlich der Jahresvollversammlung des Kolping Fördervereins Krankenhaus und Seniorenzentrum Oberwesel einen mutmachenden Vortrag

01.10.2014

150 Jahre Kolpingsfamilie Oberwesel

150 Jahre Waldbreitbacher Franziskanerinnen

  20 Jahre ‚Aktiv im Alter’

  10 Jahre Seniorenzentrum

 

Das sind

330 Jahre beeindruckender christlicher Wertschöpfung.

330 Jahre Geschichte gelebten Einsatzes für die anderen.

330 Jahre gelungenen Aufbruchs für das Leben.

 

Wenn ich unsere Ordensgemeinschaft heraus nehme aus dieser chronologischen Betrachtung, so bleiben doch beachtliche 180 Jahre überzeugten Engagements für den Nächsten hier in Oberwesel.

 

Dass Sie, verehrte Anwesende, diese Jubiläen gebührend feiern, ist richtig und ein Hinweis darauf, wie kostbar Ihnen diese Historie ist und wie viel Ihnen an der Zeugniskraft des Anfangs liegt. Die gilt es als Vermächtnis zu erhalten und in Gegenwart und Zukunft hinein nicht nur zu tradieren, sondern auch zu implementieren, und das in den jeweils relevanten gegenwartsnahen Kontexten.

 

Die Jubiläen Ihrer Kolpingsfamilie und unserer Kongregation legen schon im Blick auf den Titel dieses Abends eine Parallelität der Ursprungsidee und der Intentionen, besonders der Gründer beider Vereinigungen, nahe.

Beide, Adolph Kolping und Rosa Flesch, wuchsen in bescheidenen Verhältnissen auf. Schon früh bildete sich bei ihnen eine sensible Wahrnehmung der Not der Mitmenschen heraus und sie setzten sich auf ihre je eigene Weise mit der Sozialen Frage auseinander.

 

Beide hätten durchaus die Chance nutzen können, durch eine Heirat ihre soziale Situation erheblich zu verbessern, beide lehnten dies einer größeren Liebe wegen ab.

 

Dem Motiv der tätigen Nächstenliebe folgend, öffneten sie ihr Herz den Menschen, die oftmals unter menschenunwürdigen Lebensbedingungen litten und daraus folgernd, manch unwürdige Lebensweise entwickelten. Hatte Kolping besonders die missliche Lebenslage der Handwerksgesellen im Blick, so galt Mutter Rosas Sorge den Waisen und den verarmten kranken Menschen ihrer Umgebung.

 

Beide wollten sich nicht abfinden mit der mit der Hoffnungslosigkeit einhergehenden geistigen Verwahrlosung und sinnentleerten Abstumpfung, sie kämpften mit aller Kraft dagegen an:

in sozialer Unterstützung, Bildung, Vergemeinschaftung, Geselligkeit und religiösem Rückhalt sahen sie unverzichtbare wirkungsvolle Ansatzpunkte zur Linderung menschlicher Not.

 

Damals wie heute ist das eine hoch aktuelle Erkenntnis.

Kolping zeigt uns eine konsequente Art des Aufbegehrens, wenn christliche Grundwerte dem Zeitgeist zu unterliegen drohen. Es ist ein Aufbruch für das Leben, eine tragfähige Alternative zu jener Tendenz, die sich dem Primat des Kapitals, der Ökonomisierung fast aller Lebensbereiche beugt.

Eine Tendenz, die anfällig geworden ist für ein individualistisches und siegerorientiertes Menschenbild, in dem für schwache und benachteiligte Mitmenschen kein Platz mehr ist.

 

Christen wissen: ohne den Glauben an Gott wird unsere Sendung schal, Gott allein legitimiert unsere Apostolate. Das führt uns zum eigentlichen Kern dessen, was der Herr uns sagt:„Tut dies zu meinem Gedächtnis“ –

 

Geschichtslosigkeit, Traditionsabbruch und Erinnerungsunwilligkeit (Josef Koch) sind sozusagen zu einem Markenzeichen marktbeherrschter Gesellschaften geworden.

Damit sind Menschen aber  von ihren geistigen und religiösen Wurzeln abgeschnitten, die es möglich machen, die der Marktlogik anhaftenden Gefahren und Leiden zu benennen. Letztere sind sattsam bekannt und auch Adolph Kolping wusste um sie:

die Gefangenschaft der ständig wachsenden Wünsche

die egozentrische Brille und das Verschwinden des Anderen die Mutation des lebenslangen Berufes zum kurzfristigen Job die Reduktion von Arbeit auf reine Geldbeschaffung ohne jede persönliche Erfüllung und soziale Bindung die Zerstörung der Familie und anderer Solidargemeinschaften, letztendlich die Zerstörung der Glücksfähigkeit überhaupt.“ (Kuno Füssel: Über Neoliberalismus, politische Theologie und berufliche Bildung)

 

An dieser Stelle kommt mir Michael Endes Roman MOMO in den Sinn. Da gibt es die Grauen Herren, die vor lauter Besessenheit zu erfrieren drohen, weil sie jedwede Zeit gelingender mitmenschlicher Begegnung, jedwede Zeit der Freude im Zusammensein als unnütze Zeit abschaffen müssen.

In dieser sozial unterkühlten Welt verstummen Lachen und Lied, Tanz und Vitalität erfrieren im Frost trostlosen Daseins; die Welt ohne Beziehung, ohne Freundschaft und Liebe wird am Ende farblos, öde und kalt - eine Eiswüste, in der niemand überleben kann.

 

Wie gut, dass es in der Realität Gegenentwürfe gibt:

so zielte der von Kolping gegründete Kölner Gesellenverein, wie die von Rosa Flesch gegründete Ordensgemeinschaft darauf ab, eine tragfähige Gemeinschaft, wie sie etwa die Familie bietet, zum Modell des geselligen/ gemeinschaftlichen Miteinanders zu machen, in dem Gleichgesinnte Halt und Lebenssinn erfuhren.

Am Du gewinnt sich das Ich“ (Martin Buber)

In unserer Ordensgemeinschaft kam der spirituelle geistliche Akzent besonders zum Tragen: das gemeinsame Beten als ein Einstehen der Schwestern vor Gott und als Fundament ihres tätigen Apostolats.

 

Adolph Kolping verstand die Gesellenhäuser ja weniger als wohnliche Herberge, sondern als eine Art Lebensschule, die die Handwerker religiös, politisch und fachlich aufs Leben vorbereiten sollte, damit sie ihr Leben selbstbestimmt meistern konnten und die Gesellschaft mitzugestalten in der Lage waren.

Ähnlich lag Rosa Flesch die Befähigung ihrer Schwestern am Herzen: spirituelle, fachlich-pflegerische und soziale Kompetenzen sollten die Franziskanerinnen in die Lage versetzen, ihren Dienst gerade in schwierigen, problematischen Verhältnissen verantwortungsvoll und selbstbewusst zu bewältigen. Eine so erworbene Lebenskönnerschaft war das Fundament einer gemeinwohlorientierten christlich geprägten Diakonie.

Viele Jahre später gab es für solche Konzepte der Befähigung sogar den Nobelpreis, etwa für den indischen Ökonomen Amartya Sen. (1998 Nobelpreis für Wirtschaftwissenschaften)

 

Bemerkenswert ist für mich die Tatsache, dass im Verein Kolpings auch Krankenpfleger laut Satzung verpflichtet wurden, innerhalb von 24 Stunden jeden Kranken, der ihnen gemeldet wurde, aufzusuchen und umfassend, fundiert zu versorgen.

 

Und eine künstlerisch-poetische Seite haben Adoph Kolping und Rosa Flesch gemeinsam: schrieb Kolping schon in jungen Jahren Gedichte und arbeitete er später auch journalistisch, so verarbeitete unsere Gründerin ihre religiösen Erfahrungen in ausdrucksvoll gestickten Bildern.

 

Beide hatten wohl ein feines Gespür, einen Sinn für das Schöne, Gute und Wahre und fanden in der künstlerischen Ausdrucksweise einen sicher notwendigen Ausgleich zu den Anforderungen ihres Alltags.

 

Beider Anerkennung durch die katholische Kirche gipfelte in ihrer Seligsprechung, die 17 Jahre auseinander liegt: Adolph Kolping wurde 1991 in Rom selig gesprochen, Rosa Flesch 2008 in Trier.

 

Wer Mut zeigt, macht Mut – der Aufbruch beider brachte reiche Frucht, führte zu einer Nachhaltigkeit, die von sich reden macht: wenn beispielsweise etwa 7.300 Kolpingsfamilien die Idee Kolpings weltweit in rd. 60 Ländern lebendig halten.

 

Die Gemeinschaft Rosa Fleschs breitete sich von Deutschland über die Niederlande, USA bis nach Brasilien aus. Die in ihrer Intention gegründete Marienhaus-Stiftung hält heute an die 80 Institutionen der Sozialwirtschaft mit nahezu 15.000 Mitarbeitenden in 4 Bundesländern.

 

Wirkliches Leben ist Begegnung

dieses Axiom von Martin Buber haben beide verinnerlicht und umgesetzt. Was der große jüdische Religionsphilosoph weiter beschreibt, trifft durchaus auf sie zu:

 

„Es gibt etwas,

was man an einem einzigen Ort in der Welt finden kann.

Es ist ein großer Schatz,

man kann ihn die Erfüllung des Daseins nennen.

Und der Ort, an dem dieser Schatz zu finden ist,

ist der Ort, wo man steht…

Hier, wo wir stehen, gilt es,

das verborgene göttliche Leben aufleuchten zu lassen.“

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

und nun bin ich bei Ihnen, bei Ihrem großartigen Engagement, besonders im Blick auf die Loreley- Einrichtungen mit Krankenhaus und  Seniorenzentrum.

 

Hier, wo wir stehen, gilt es

 

Ich denke, wir alle stimmen mit Adolph Kolping darin überein, dass „ das Christentum nicht bloß für die Kirche und für die Betkammern gilt,sondern für das ganze Leben.“

Oder wie es Albert Schweitzer später auf den Punkt bringen wird:“ Das Christentum ist etwas, das an den Pulsen des Lebens geprüft werden muss wie nichts sonst; es muss der Prüfung der Erfahrung des Alltags standhalten, sonst kann es nicht bestehen.“

 

Wenn ich mir alleine die Chronologie Ihres Engagements für das Seniorenzentrum vor Augen führe, dann Hut ab vor soviel ehrenamtlichem Einsatz und Respekt vor soviel alltagstauglichem Christsein.

 

Das begann ja bereits Mitte der 1980er Jahre, als die Kolpingsfamilie einen ‚Arbeitskreis Krankenhaus’ bildete, um den Standort zu sichern.

Dem folgte 1991 die Gründung des ‚Kolping-Fördervereins St. Werner Krankenhaus und Altenheim Oberwesel e.V.’

 

Es waren 56 engagierte Bürgerinnen und Bürger, die mit dieser Gründung unter anderem den Grundstock legten für ein Seniorenzentrum, das sich sehen lassen kann.

 

Ich erinnere mich an die Diskussionen um den Denkmalschutz, um Abrissvorhaben - Stichwort Braunes Haus, Casinohäuschen, ein zähes Ringen um die Finanzierung; Ihre Bereitschaft, zusammen mit der Katholischen Kirchengemeinde in der Rechtsform einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts die Bauträgerschaft sowohl für das Altenzentrum als auch die Weiterentwicklung des Krankenhauses gemeinsam mit den Städten Oberwesel und St.Goar, der Verbandsgemeinde und dem St.Goarer Förderverein wahrzunehmen.

 

Das ist Vernetzung auf hohem Niveau.

Zwei Jahre später haben sich diese Bemühungen erübrigt, weil sich die Krankenhaus GmbH für die Bauträgerschaft entschieden hatte.

 

Für mich war und bleibt dies eine gelebte Option für die Anderen:

für die Kranken um eine wohnortnahe medizinische Versorgung,

für viele Mitarbeitende zur Sicherung ihrer Arbeitsplätze und

für alt gewordene Mitbürgerinnen und Mitbürger, damit sie ihren Lebensabend hier in der Heimat in einem altersgerechten Ambiente verbringen können.

 

Die Auf und Abs dieser 10 Jahre dauernden Zerreißprobe muss ich Ihnen, die Sie diese Zeit durchlebt und gekämpft haben, sicher nicht in allen Details ins Gedächtnis rufen.

 

Aber dass Ihre Bemühungen schließlich in ein Bundesmodellprojekt mündeten, das wäre ohne Ihre tatkräftige engagierte Unterstützung nicht möglich geworden und das verdient besondere Erwähnung.

 

Was lehrt uns dies?

 

Es lehrt uns,

dass ohne zivilgesellschaftliches Engagement eine humane Gesellschaft nicht gestaltbar ist,

dass ohne Herzblut und Entschiedenheit keine tragfähigen gemeinwohlorientierten Beiträge möglich sind.

 

Es lehrt uns,

dass, wie es Kästner sagt, die Dinge schon immer von der Mühe gelebt haben, die man sich um sie machte.

Und es lehrt uns, dass es Verbündete braucht.

 

Wie das geht, zeigen uns Menschen wie Rosa Flesch und Adolph Kolping; der sagt:

 

 „Wer Menschen gewinnen will, muss sein Herz zum Pfande setzen

 

Alles oder nichts – meine Damen und Herren!

 

Gottlob gibt es Menschen wie Sie, die die Intention, die Ursprungsidee des Adolph Kolping lebendig halten und die seine Vision bewohnbar machen.

 

So wünsche ich Ihnen für die Zukunft, dass Sie weiterhin Mut zeigen, und Mut machen zum immer neuen Aufbruch für das Leben.

 

Sr. Edith-Maria Magar, Generaloberin der Franziskanerinnen von Waldbreitbach

Loreley-Seniorenzentrum Oberwesel

Hospitalgasse 10
55430 Oberwesel
Telefon:06744 712-810
Telefax:06744 712-811
Internet:http://www.loreley-seniorenzentrum.de

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